Engpässe identifizieren und gezielt auflösen mit der Theory of Constraints
Warum Projekte manchmal trotz voller Auslastung nicht vorankommen
Die Redewendung „Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“ hat bestimmt jeder schon einmal gehört. Auf das Projektmanagement wird sie häufig jedoch nicht übertragen, obwohl sie gerade dort sehr wichtig ist. Bei Verzögerungen oder überlasteten Teams wird oftmals versucht, die gesamte Kette zu optimieren, beispielsweise indem mehr Ressourcen zum Projekt hinzugefügt werden. Oftmals führt aber genau das zu weiteren Verzögerungen, da das ganze Projekt so komplexer gemacht wird. Die Theory of Constraints (ToC) zeigt, dass es stattdessen sinnvoller wäre, das schwächste Glied der Kette zu stärken, um Projekte nachhaltig auf Erfolgskurs zu bringen.
Was steckt hinter der Theory of Constraints?
Die Theory of Constraints (ToC) ist im Kern eine strukturierte Problemlösungsmethode. Ihr Ziel ist es, den einen Faktor zu identifizieren, der den Fortschritt eines Systems am stärksten begrenzt, um genau dort anzusetzen und diesen Engpass gezielt zu beheben.
Bekannt wurde der Ansatz durch Eliyahu M. Goldratt und sein Buch The Goal. Ursprünglich im Produktionsumfeld entwickelt, wird ToC heute in unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt vom Projektmanagement bis hin zur Organisationsentwicklung.
Die zentrale Annahme ist dabei, dass jedes System eine Schwachstelle hat, die seine Gesamtleistung bestimmt. Überträgt man das auf Projekte, heißt das, dass es immer einen Engpass gibt, der den Fortschritt begrenzt und das unabhängig davon, wie viele Aufgaben gleichzeitig laufen oder wie viele Teams beteiligt sind. Solange dieser Punkt nicht aktiv gemanagt wird, bringt jede Optimierung an anderer Stelle nur wenig. Sobald eine Schwachstelle behoben wurde, wird sich ein neuer Engpass im Projekt zeigen, sodass nacheinander alle Schwachstellen bearbeitet werden können, bis es keine mehr gibt, die ein Projekt behindern.
Die fünf Schritte der Theory of Constraints
1. Engpass identifizieren
Der Ausgangspunkt der TOC ist immer die Frage: Wo genau liegt der Engpass? Leider ist das nicht immer offensichtlich, denn Verzögerungen zeigen sich oft erst an anderer Stelle.
Typische Hinweise auf einen Engpass sind wiederkehrende Wartezeiten, überlastete Schlüsselpersonen oder Prozesse, an denen sich Aufgaben stauen. Besonders auffällig sind Situationen, in denen mehrere Teams auf denselben Input warten.
Dabei lohnt sich ein etwas breiterer Blick, denn Engpässe sind nicht immer rein technisch oder ressourcenbedingt. In vielen Projekten liegen sie in Prozessen, Unternehmensrichtlinien, gewachsenen Strukturen oder schlicht in der Art, wie Entscheidungen getroffen werden.
Ein klassisches Beispiel sind fehlende Freigaben, Genehmigungen oder Entscheidungen. Dadurch können nachgelagerte Schritte nicht rechtzeitig starten. Auch wenn an anderen Stellen also intensiv gearbeitet wird, bestimmen die Wartezeiten hierfür letztlich die Geschwindigkeit des gesamten Projekts.
2. Engpass optimal nutzen
Ist der Engpass identifiziert, versuchen viele Projektleitende intuitiv, ihn zu entlasten, indem sie Arbeit umverteilen oder zusätzliche Ressourcen einsetzen. Das kann auch funktionieren. Allerdings ist es meist sinnvoller und effektiver, den Engpass zunächst zu stabilisieren, um ihn bestmöglich zu nutzen. Das bedeutet, ihn von allem zu befreien, was nicht direkt zum Projektfortschritt beiträgt, sodass es dort keine Unterbrechungen, Leerläufe oder irrelevanten Aufgaben gibt, und die volle Konzentration auf dem Projektfortschritt liegen kann.
Es bedeutet aber auch, dass klare Prioritäten gesetzt werden, sodass der Engpass immer an den Aufgaben arbeitet, die den größten Einfluss auf den Projektfortschritt haben. Achten Sie dabei auch auf parallele Aufgaben, denn je mehr gleichzeitig bearbeitet wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für Verzögerungen. Werden Aufgaben hingegen nacheinander abgearbeitet, liegt die volle Konzentration auf jeweils einer Aufgabe, was meist zu schnelleren und besseren Ergebnissen führt und so den Durchfluss im Projekt erhöht.
3. Entlastung des Engpasses durch andere Prozesse
Erst wenn der Engpass optimiert wurde, wird das restliche System angepasst. Alle anderen Aktivitäten sollten sich daran orientieren, den Engpass zu unterstützen, statt ihn indirekt auszubremsen.
4. Engpass erweitern
Wenn das funktioniert, die Schwachstelle durch die vorigen Maßnahmen aber noch nicht behoben ist, kann man darüber nachdenken, den Engpass gezielt zu erweitern, zum Beispiel durch zusätzliche Ressourcen, neue Technologien oder Prozessanpassungen. Genau hier springen viele Organisationen zu früh hin, ohne die vorherigen Schritte konsequent umzusetzen.
5. Prozess wiederholen
Sobald ein Engpass aufgelöst ist, verschiebt sich der Engpass meist zu einer anderen Stelle im Projekt. Die ToC ist deshalb kein einmaliger Eingriff, sondern ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess, in dem die einzelnen Schritte mehrfach wiederholt werden, um so alle Engpässe zu finden und zu beheben.
Die Critical Chain: ToC im Projektalltag
Die Theory of Constraints wird im Projektmanagement häufig in Form der Critical Chain Methode angewendet. Dabei ist es wichtig, den im Projektmanagement bekannten kritischen Pfad zur Critical Chain abzugrenzen.
- Kritischer Pfad: Der kritische Pfad ist der längste Pfad in einem Projektplan. Um ihn zu identifizieren werden vor allem die Abhängigkeiten zwischen Aufgaben betrachtet
- Critical Chain: Die Critical Chain geht einen Schritt weiter, indem sie auch die Verfügbarkeit und Fähigkeiten der Ressourcen, die für das Projekt nötig sind, einbezieht.
Diese Abgrenzung ist wichtig, da Verzögerungen oftmals dort entstehen, wo mehrere Aufgaben um dieselben Ressourcen konkurrieren. Dieses Wissen macht es möglich im Projekt Puffer einzuplanen, die als Steuerungselement verwendet werden können. Statt jede Aufgabe abzusichern, werden hierbei Puffer gezielt dort eingeplant, wo sie den größten Effekt haben. Gerade in komplexen Projekten führt das zu realistischeren Zeitplänen und weniger Überraschungen.
Wann lohnt sich der Einsatz der Theory of Constraints?
Für kleine, klar abgegrenzte Probleme ist der Aufwand mit der Methode zu arbeiten oft nicht notwendig. Hier reichen einfache Abstimmungen oder punktuelle Optimierungen, um Engpässe zu identifizieren und zu beheben. Seine Stärke spielt die ToC vor allem dort aus, wo Projekte komplex sind, viele Abhängigkeiten bestehen und Verzögerungen regelmäßig auftreten. Also genau in den Situationen, in denen klassische Steuerungsmechanismen an ihre Grenzen stoßen.
In solchen Fällen hilft ToC nicht nur dabei, bestehende Engpässe zu lösen, sondern auch dabei, potenzielle Probleme oder Risiken frühzeitig sichtbar zu machen. Damit wird der Ansatz zu einem
Werkzeug, das nicht nur reaktiv, sondern auch präventiv wirkt, insbesondere im Risikomanagement.
Typische Fehler in der Umsetzung
- Schneller Übergang zur nächsten Schwachstelle: Ein häufiger Fehler ist, den Engpass zu schnell wechseln zu wollen. Kaum scheint ein Problem gelöst, wird an anderer Stelle nachjustiert ohne die ursprüngliche Verbesserung wirklich zu stabilisieren.
- Fehlende Konsequenz: Auch fehlende Konsequenz bei Prioritäten ist ein Klassiker. Wenn im Alltag doch wieder alles gleichzeitig wichtig ist, verliert der Ansatz schnell seine Wirkung.
- Multitasking: Und nicht zuletzt bleibt Multitasking in vielen Organisationen bestehen, obwohl es einer der größten Treiber für Verzögerungen ist.
Fazit
Die zentrale Erkenntnis der Theory of Constraints ist so einfach wie herausfordernd: Projekte werden nicht schneller, wenn alle mehr arbeiten, sondern wenn der Engpass besser gemanagt wird. Das bedeutet vor allem, bewusst zu priorisieren, parallele Arbeit zu reduzieren und den Fokus auf das zu legen, was den größten Einfluss hat.
In der Praxis liegt die Herausforderung der ToC oft weniger im Verständnis der Methode als in ihrer konsequenten Anwendung. Engpässe sind nicht immer sofort sichtbar, Abhängigkeiten werden unterschätzt und Prioritäten verwässern im Tagesgeschäft. Genau an diesem Punkt können Tools wie myPARM ProjectManagement unterstützen. Sie schaffen Transparenz über Projektstrukturen, machen kritische Ressourcen sichtbar und helfen dabei, Entscheidungen nicht aus dem Bauch heraus, sondern auf Basis klarer Zusammenhänge zu treffen. Das ersetzt nicht das notwendige Umdenken, macht es aber deutlich einfacher, die Prinzipien der Theory of Constraints im Alltag tatsächlich umzusetzen.
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FAQ
Was ist ein Engpass im Projekt?
Ein Engpass ist der Faktor, der den Fortschritt eines Projekts begrenzt. Das kann eine Ressource, eine Entscheidung oder ein Prozess sein. Entscheidend ist dabei weniger, wo viel gearbeitet wird, sondern wo Arbeit ins Stocken gerät. Genau dort liegt in der Regel der Engpass.
Was ist der Unterschied zwischen Critical Path und Critical Chain?
Der kritische Pfad beschreibt die längste Abfolge voneinander abhängiger Aufgaben und bestimmt damit die minimale Projektdauer.
Die Critical Chain erweitert diesen Ansatz um die Perspektive der Ressourcen. Sie berücksichtigt also nicht nur, welche Aufgaben voneinander abhängen, sondern auch, ob die dafür benötigten Ressourcen überhaupt gleichzeitig verfügbar sind.
Ist ToC für kleine Projekte sinnvoll?
Gerade in kleinen Projekten kann die Theory of Constraints ihre Stärke ausspielen, allerdings nicht in jedem Fall. Wenn es sich um einfache, klar abgegrenzte Aufgaben handelt, reicht oft eine pragmatische Lösung. Sobald jedoch mehrere Abhängigkeiten bestehen oder Prioritäten unklar sind, hilft der Fokus auf den Engpass, schneller zu klaren Entscheidungen zu kommen.
Der größte Vorteil liegt dabei weniger in der Methodik selbst als im Perspektivwechsel: weg von „alles gleichzeitig“, hin zu echtem Fokus.
